
KI-Chats im Datenschutz-Selbstcheck
Wenn Du ChatGPT oder Claude regelmässig nutzt, entsteht nebenbei eine Art Gesprächstagebuch. Ein neues Werkzeug von Proton soll sichtbar machen, welche privaten Muster daraus ableitbar sein könnten – und genau das ist für Deinen eigenen Datenschutz-Selbstcheck spannend.
Es geht nicht darum, KI-Werkzeuge schlechtzureden. Es geht darum, bewusster zu sehen, was Du ihnen über Dich erzählst: Ernährung, Hobbys, Gesundheitsfragen, Ziele oder Termine können einzeln harmlos wirken, zusammen aber ein ziemlich genaues Bild ergeben.
Was passiert ist
Der Schweizer Anbieter Proton hat mit AI Paper Trail ein Werkzeug vorgestellt, das aus exportierten Chatverläufen von ChatGPT und Claude zusammenfasst, was diese Dienste über Dich erfahren haben könnten. Chatbots sind Programme, mit denen Du in natürlicher Sprache schreiben kannst; ChatGPT und Claude gehören zu den bekanntesten Beispielen. Laut dem Bericht auf t3n über AI Paper Trail von Proton funktioniert die Auswertung nur mit diesen beiden Chatbots.
Ausgangspunkt ist eine Bitkom-Umfrage unter 1.003 Deutschen ab 16 Jahren. Sie zeigt laut Quelle, dass Künstliche Intelligenz, kurz KI, im Alltag auch bei sensiblen Fragen genutzt wird. Von den befragten Personen, die angaben, KI zu nutzen, wenden sich 34 Prozent bei gesundheitlichen Fragen an Chatbots. Gleichzeitig äussern 43 Prozent aller Befragten die Sorge, dass persönliche Daten bei KI-Anbietern nicht sicher aufgehoben sind.
Die Quelle hält auch fest: OpenAI und Anthropic geben jeweils an, auf Basis der Nutzerdaten keine Profile für Werbezwecke zu erstellen. Je nach Einstellungen können Nutzerdaten aber fürs Modelltraining verwendet werden. Modelltraining bedeutet, dass Daten genutzt werden können, um ein KI-System zu verbessern. Zudem können Daten bei einem möglichen Hackerangriff an Dritte abfliessen.
Für die Auswertung müssen Nutzerinnen und Nutzer zuerst ihre Daten exportieren. Bei ChatGPT führt der Weg laut Quelle über das Profil unten links, dann über Einstellungen, Datenkontrolle und Daten exportieren. Bei Claude geht es über Einstellungen, Datenschutz und Daten exportieren. In beiden Fällen stehen die Chatdaten nicht sofort bereit. Die Anbieter müssen sie zuerst aufbereiten; das kann je nach Umfang mehrere Tage dauern. Danach folgt eine E-Mail mit einem Download-Link.
Nach dem Herunterladen öffnet man das Proton-Werkzeug im Browser und wählt aus, welches der beiden Werkzeuge ausgewertet werden soll. Anschliessend lädt man Zip- oder Json-Dateien der Unterhaltungen hoch. Json ist ein Dateiformat, in dem Daten strukturiert gespeichert werden. Im Beispiel des Autors lieferte der ChatGPT-Export mehrere Dateien. Da pro Durchlauf nur eine Datei hochgeladen werden kann, fällt das Ergebnis je nach Inhalt der ausgewählten Datei unterschiedlich aus.
Der Autor beschreibt zwei Beispiele. In seinem ersten Durchlauf stufte Proton seinen sogenannten Privacy Type als Hard to read ein. Damit seien laut Proton nur wenige Rückschlüsse möglich. Bei den Interessen rutschte der Balken allerdings in den roten Bereich, weil der Autor sich Gartentipps geholt hatte. Insgesamt erhielt er einen Privacy Exposure-Score von 31 von 100 Punkten. Dieser Wert soll die Datenschutz-Belastung oder Sichtbarkeit persönlicher Informationen ausdrücken. Den Wert seiner Daten für den KI-Anbieter gab Proton mit 15 US-Dollar an.
Anders sah es bei einem Testkonto für ein Halbmarathon-Projekt aus. Dort hatte der Autor viele Informationen eingegeben. Das Werkzeug erkannte vier Warnsignale, darunter Ernährung und Recovery, also Erholung nach dem Training, die mit der KI als Coach besprochen wurde. Proton warnte in der detaillierten Aufschlüsselung, dass solche abgeleiteten Details für Targeting, Profiling und Entscheidungen herangezogen werden könnten – oft ohne Transparenz oder Einwilligung. Targeting meint gezieltes Ansprechen, Profiling das Erstellen von Personenprofilen aus Daten.
Unter der Zusammenfassung zeigte Proton weitere Schlussfolgerungen aus den Eingaben, etwa Ziele, Equipment, über das sich der Autor informiert hatte, und Termine für Laufevents. Wichtig bleibt aber die Einschränkung aus der Quelle: Proton schlüsselt rein nach den Chats auf. Welche Daten tatsächlich in einem Erinnerungsspeicher landen und welche Informationen Betreiber am Ende ableiten, lässt sich von aussen unmöglich sagen.
Wer feststellt, dass in ChatGPT oder Claude zu viel mitgeschnitten wurde, kann Chats laut Quelle nachträglich löschen. Bei Anthropic verschwinden sie sofort aus dem Chatverlauf, bleiben aber mindestens 30 Tage auf den Servern bestehen. Abrufen kann man sie direkt nach dem Löschen nicht mehr. Bei OpenAI ist das Abrufen nach dem Löschen ebenfalls nicht mehr möglich. OpenAI merkt laut Quelle jedoch an, dass Daten bestehen bleiben können, wenn sie de-identifiziert und vom Konto getrennt wurden oder wegen Sicherheits- oder rechtlichen Pflichten aufbewahrt werden müssen.
Warum das relevant ist
Viele KI-Gespräche fühlen sich flüchtig an: Du stellst eine Frage, bekommst eine Antwort, schliesst das Fenster. Tatsächlich können sich über Wochen und Monate aber viele kleine Hinweise ansammeln. Ein einzelner Satz über ein Laufziel sagt wenig. Mehrere Gespräche über Trainingsplan, Ernährung, Erholung, Ausrüstung und Wettkampftermine ergeben schon ein deutlich klareres Bild.
Genau hier setzt der Datenschutz-Selbstcheck an. Nicht die eine Eingabe ist immer das Problem, sondern das Muster. Wenn Du eine KI um Tipps zum Essen bittest, später medizinische Fragen stellst, zwischendurch Adressen, Telefonnummern oder andere persönliche Angaben eintippst und dann noch Deine Ziele beschreibst, entsteht ein Datenmix. Die Quelle weist ausdrücklich darauf hin, dass private Daten nicht achtlos in Chatbots eingegeben werden sollten.
Relevant ist auch, dass die Auswertung von AI Paper Trail laut Quelle nicht zeigt, was OpenAI oder Anthropic tatsächlich gespeichert, erinnert oder intern abgeleitet haben. Sie zeigt, was aus Deinen Chatdaten ableitbar sein könnte. Das ist ein wichtiger Unterschied. Für den Selbstcheck reicht das aber oft schon: Du siehst, welche Themen Du preisgegeben hast und wo Du in Zukunft vorsichtiger sein möchtest.
Die Bitkom-Zahlen machen deutlich, warum das Thema nicht nur für Technikbegeisterte wichtig ist. Wenn ein Drittel der KI-Nutzenden Chatbots bei gesundheitlichen Fragen einsetzt und gleichzeitig viele Menschen um die Sicherheit ihrer Daten besorgt sind, dann fehlt nicht unbedingt Interesse. Es fehlt eher ein gut sichtbarer Spiegel. AI Paper Trail ist laut Anbieter ein solcher Spiegel für ChatGPT- und Claude-Verläufe, auch wenn die Ergebnisse nicht unabhängig geprüft sind.
Was das für dich heisst
Für Einsteiger
Wenn Du KI erst seit Kurzem nutzt, ist die wichtigste Lektion einfach: Schreibe nichts in einen Chatbot, was Du nicht auch in einem fremden Dokument wiederfinden möchtest. Das heisst nicht, dass Du keine persönlichen Beispiele verwenden darfst. Aber bei medizinischen und finanziellen Informationen, Adressen, Telefonnummern oder Passwörtern solltest Du besonders vorsichtig sein. Wenn Du Hilfe brauchst, kannst Du Angaben verallgemeinern: statt Deiner echten Situation beschreibst Du einen ähnlichen, aber weniger persönlichen Fall. Der Selbstcheck mit AI Paper Trail kann Dir zeigen, welche Themen Du bereits geteilt hast und wo Du künftig eine innere Datenschutz-Ampel einschalten möchtest.
Für Fortgeschrittene
Wenn Du ChatGPT oder Claude intensiv nutzt, ist die Herausforderung weniger die einzelne heikle Frage, sondern die Gesamtheit Deiner Arbeits- und Alltagsmuster. Du kannst prüfen, ob Deine Verläufe wiederkehrende Informationen über Ziele, Routinen, Interessen, Ernährung, Erholung oder Termine enthalten. Besonders aufschlussreich ist laut Quelle, dass unterschiedliche Exportdateien unterschiedliche Ergebnisse liefern können, weil pro Durchlauf nur eine Datei hochgeladen wird. Für Dich heisst das: Betrachte den Selbstcheck nicht als endgültiges Urteil, sondern als Stichprobe. Nutze die Ergebnisse, um Deine Eingabepraxis zu schärfen, alte Chats zu löschen, wo das sinnvoll ist, und bei sensiblen Themen bewusster zu formulieren.
Konkret ausprobieren
- Daten exportieren: Öffne bei ChatGPT Dein Profil unten links, gehe zu Einstellungen, dann Datenkontrolle und Daten exportieren. Bei Claude gehst Du laut Quelle zu Einstellungen, Datenschutz und Daten exportieren. Plane etwas Wartezeit ein: Die Anbieter müssen die Daten zuerst aufbereiten, und das kann je nach Umfang mehrere Tage dauern.
- Auswertung bewusst durchführen: Lade nach Erhalt des Download-Links die bereitgestellten Zip- oder Json-Dateien herunter. Öffne AI Paper Trail im Browser und wähle aus, ob Du ChatGPT oder Claude auswerten möchtest. Da pro Durchlauf nur eine Datei hochgeladen werden kann, prüfe bewusst, welche Datei Du verwendest. Wenn mehrere Dateien vorhanden sind, können unterschiedliche Durchläufe unterschiedliche Muster zeigen.
- Ergebnisse als Datenschutz-Spiegel nutzen: Achte nicht nur auf eine Gesamtzahl wie den Privacy Exposure-Score, sondern auf die abgeleiteten Themen: Interessen, Ziele, Ernährung, Erholung, Termine oder andere Hinweise. Frage Dich danach: Welche Angaben hätte ich lieber nicht geteilt? Welche Chats möchte ich löschen? Und welche Informationen formuliere ich künftig allgemeiner, bevor ich sie einem Chatbot anvertraue?
Quellen
- Von Ernährung bis Hobbys: Tool analysiert, was KI-Chatbots über dich wissen, Medium unbekannt, 23.08.2026.


Bild: Stefan Coders via Pexels