
ChatGPT Computer History und dein Arbeitskontext
ChatGPT soll künftig besser verstehen, woran Du am Computer gearbeitet hast. Die neue Funktion Computer History macht Aktivitäten aus Apps und Websites als Kontext nutzbar – mit Chancen für produktiveres Arbeiten, aber auch mit klaren Fragen zu Datenschutz, Zustimmung und sensiblen Daten.
Für Schweizer Nutzerinnen und Nutzer ist wichtig: Laut Quelle ist die Funktion in der Europäischen Wirtschaftszone, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich derzeit nicht verfügbar. Trotzdem lohnt sich der Blick darauf, weil Computer History zeigt, in welche Richtung KI-Werkzeuge im Arbeitsalltag gehen.
Was passiert ist
OpenAI hat laut einem Bericht von THE DECODER zu ChatGPTs neuer Computer History eine Funktion vorgestellt, die Nutzeraktivitäten über Apps und Websites hinweg aufzeichnet. Daraus entsteht eine durchsuchbare Zeitleiste mit Erinnerungen, die ChatGPT und Codex als Kontext verwenden können.
Computer History ersetzt laut Quelle die frühere Forschungsvorschau «Chronicle». Diese basierte auf Bildschirmfotos. Die neue Funktion soll laut OpenAI anders funktionieren: Sie fotografiert nicht den Bildschirm, sondern erfasst sogenannte Interaktionsereignisse. Damit sind konkrete Handlungen gemeint, zum Beispiel Klicks, Tastatureingaben, Tastenkürzel und Wechsel zwischen Apps.
Diese Informationen werden laut OpenAI über das Accessibility-System von macOS ausgelesen. Accessibility meint hier die Bedienungshilfen des Betriebssystems, über die Programme bestimmte Interaktionen erkennen können. Laut OpenAI werden keine Bildschirmfotos, Bildschirmaufnahmen, Mikrofoneingaben oder Systemaudio erfasst. Aktivitäten im privaten Surfmodus werden laut Quelle ebenfalls nie einbezogen.
Die erfassten Ereignisse werden periodisch in Textzusammenfassungen umgewandelt. Diese Zusammenfassungen werden als lokale Memory-Dateien im Markdown-Format gespeichert. Markdown ist ein einfaches Textformat, das gut lesbar bleibt und gleichzeitig eine gewisse Struktur erlaubt. In der Zeitleiste gruppiert das System die Zusammenfassungen nach Tag und Uhrzeit und zeigt an, welche Apps beteiligt waren.
Ein zentrales Element ist die Erkennung wiederkehrender Arbeitsabläufe. Wenn ChatGPT Muster erkennt, kann die Zeitleiste einen sogenannten Skill oder eine Automatisierung vorschlagen. Ein Skill ist in diesem Zusammenhang eine wiederverwendbare Vorlage für eine Aufgabe. Nutzerinnen und Nutzer können Codex beauftragen, aus dem aufgezeichneten Ablauf eine solche Vorlage zu erstellen.
Als typische Anwendungsfälle nennt OpenAI laut Quelle das Wiederfinden kürzlich bearbeiteter Dokumente oder das Erstellen von Standup-Zusammenfassungen. Standup-Zusammenfassungen sind kurze Übersichten darüber, woran gearbeitet wurde, häufig genutzt in Teams. ChatGPT kann dabei die aufgezeichnete Aktivität verwenden, um die passende Quelle zu identifizieren und direkt darauf zuzugreifen.
Für den Zugriff setzt OpenAI laut Quelle auf ein mehrstufiges Berechtigungssystem. In Business- und Enterprise-Arbeitsbereichen muss zuerst eine Administratorin oder ein Administrator die Funktion ausdrücklich freischalten. Das aktiviert Computer History aber noch nicht automatisch: Jede einzelne Nutzerin und jeder einzelne Nutzer muss zusätzlich zustimmen. Voraussetzung ist ausserdem, dass die Memories-Funktion aktiviert ist.
Nutzerinnen und Nutzer können über Include- und Exclude-Listen steuern, welche Apps und Websites Daten beisteuern dürfen. Include bedeutet: einbeziehen. Exclude bedeutet: ausschliessen. Über die macOS-Menüleiste lässt sich die Erfassung laut Quelle jederzeit pausieren oder fortsetzen.
Zur Speicherung nennt die Quelle mehrere wichtige Details. Temporäre Event-Dateien werden laut OpenAI auf dem Mac innerhalb der ChatGPT-App-Group gespeichert und nach 48 Stunden gelöscht. Die daraus erzeugten Memory-Dateien bleiben als Klartext-Markdown-Dateien im Dateisystem, bis die Nutzerin oder der Nutzer sie manuell löscht.
Klartext heisst: Die Dateien sind nicht verschlüsselt. Laut Quelle können andere Programme, die unter demselben macOS-Benutzerkonto laufen, potenziell darauf zugreifen. Für die Erstellung der Memories verarbeitet OpenAI die temporären Event-Dateien auf seinen Servern, gibt aber an, diese nach der Verarbeitung nicht zu behalten, sofern keine gesetzliche Aufbewahrungspflicht besteht.
Laut OpenAI werden die Dateien nicht für das KI-Training verwendet. Gleichzeitig weist die Quelle auf eine wichtige Einschränkung hin: Wenn Memories später in Chats als Kontext genutzt werden, können die Chat-Inhalte je nach Datenkontrolleinstellungen der Nutzerin oder des Nutzers dennoch Trainingsmaterial werden.
OpenAI warnt zudem selbst vor einem erhöhten Risiko durch Prompt Injection. Prompt Injection bedeutet, dass eine KI durch fremde oder bösartige Anweisungen in einem Text beeinflusst werden kann. Wenn Computer History Inhalte aus Apps und Websites erfasst, könnten laut OpenAI bösartige Anweisungen auf einer Website dazu führen, dass ChatGPT oder Codex diesen Anweisungen folgt.
OpenAI warnt ausserdem davor, die Funktion bei Kommunikations-Apps zu nutzen, ohne die ausdrückliche Zustimmung der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner einzuholen. Bei Apps mit sensiblen Gesundheits-, Finanz- oder persönlichen Daten empfiehlt OpenAI laut Quelle, die Erfassung zu pausieren oder diese Apps von der Aufzeichnung auszuschliessen.
Warum das relevant ist
Computer History macht sichtbar, wie sich die Rolle von ChatGPT verändert. Bisher hast Du einer KI meist aktiv Informationen gegeben: Du hast einen Text eingefügt, eine Datei hochgeladen oder eine Frage gestellt. Mit Computer History kann die KI laut OpenAI zusätzlich auf einen Verlauf Deiner Arbeit zugreifen, also auf eine Art Arbeitsgedächtnis des Computers.
Das kann praktisch sein. Wenn Du am Morgen drei Dokumente geöffnet, zwei E-Mails beantwortet und in mehreren Apps gearbeitet hast, weisst Du am Nachmittag vielleicht nicht mehr genau, wo eine bestimmte Information lag. Eine durchsuchbare Zeitleiste könnte helfen, solche Spuren schneller wiederzufinden. Statt «Wo war nochmals diese Tabelle?» könnte ChatGPT den jüngsten Arbeitskontext nutzen, um die relevante Quelle zu identifizieren.
Auch wiederkehrende Abläufe werden interessanter. Viele Arbeitstage bestehen nicht aus grossen Einzelaufgaben, sondern aus kleinen Routinen: Unterlagen zusammensuchen, Zwischenstände festhalten, wiederkehrende Berichte vorbereiten, Besprechungsnotizen ordnen. Wenn ein System solche Muster erkennt und daraus eine wiederverwendbare Vorlage vorschlägt, kann das Arbeit vereinfachen.
Genau hier liegt aber auch der heikle Punkt. Der eigene Arbeitskontext ist selten neutral. In Apps und Websites tauchen Kundennamen, interne Notizen, private Nachrichten, Gesundheitsdaten, Finanzdaten oder vertrauliche Projektinformationen auf. Selbst wenn keine Bildschirmfotos erfasst werden, können Klicks, Tastatureingaben, App-Wechsel und Textzusammenfassungen viel über Deine Arbeit verraten.
Besonders wichtig ist die lokale Speicherung im Klartext. Laut Quelle bleiben die Memory-Dateien unverschlüsselt im Dateisystem, bis sie manuell gelöscht werden. Das ist für Nutzerinnen und Nutzer ein Unterschied zu einer rein flüchtigen Funktion, die nach der Sitzung verschwindet. Wer Computer History nutzt, muss wissen, dass auf dem Gerät gespeicherte Erinnerungen zu einem eigenen Datenbestand werden.
Dazu kommt die Frage der Zustimmung. OpenAI warnt laut Quelle ausdrücklich davor, Kommunikations-Apps einzubeziehen, wenn Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner nicht zugestimmt haben. Das ist im Alltag schnell relevant: Chatverläufe, E-Mails oder Teamnachrichten enthalten oft Informationen von anderen Personen. Nur weil etwas auf Deinem Bildschirm erscheint, heisst das nicht automatisch, dass es bedenkenlos in einen KI-Kontext gehört.
Für Organisationen ist das mehrstufige Berechtigungssystem deshalb zentral. Eine Administratorfreigabe allein reicht laut Quelle nicht; jede Person muss individuell zustimmen. Das ist gut, ersetzt aber keine klare interne Regelung. Wer darf welche Apps einbeziehen? Welche Daten gelten als sensibel? Wann muss die Erfassung pausiert werden? Solche Fragen gehören nicht erst geklärt, wenn der erste heikle Fall passiert.
Auch das Prompt-Injection-Risiko ist mehr als ein technisches Detail. Wenn eine KI Inhalte aus Websites oder Apps als Kontext nutzt, kann sie potenziell auch manipulierte Inhalte aufnehmen. Eine bösartige Anweisung auf einer Website könnte laut OpenAI dazu führen, dass ChatGPT oder Codex ihr folgt. Für Anwenderinnen und Anwender heisst das: Mehr Kontext macht die KI nicht automatisch sicherer. Mehr Kontext macht sie nur besser informiert – und manchmal auch leichter beeinflussbar.
Was das für dich heisst
Für Einsteigerinnen und Einsteiger
Wenn Du ChatGPT vor allem für Texte, Ideen, Zusammenfassungen oder Lernfragen nutzt, ist Computer History vorerst vor allem ein Blick in die nahe KI-Zukunft. Da die Funktion laut Quelle in der Schweiz derzeit nicht verfügbar ist, musst Du nichts umstellen. Aber Du kannst Dir schon jetzt eine Grundregel merken: Gib einer KI nur den Arbeitskontext, den Du bewusst teilen würdest. Wenn Gesundheitsdaten, Finanzdaten, private Nachrichten oder vertrauliche Kundendaten im Spiel sind, ist Zurückhaltung sinnvoller als Neugier.
Für Fortgeschrittene
Wenn Du bereits regelmässig mit ChatGPT arbeitest und Arbeitsabläufe optimierst, ist Computer History besonders spannend. Die Funktion könnte dabei helfen, wiederkehrende Muster zu erkennen und daraus Vorlagen oder Automatisierungen abzuleiten. Gleichzeitig musst Du strenger auswählen, welche Apps und Websites überhaupt Kontext liefern dürfen. Include- und Exclude-Listen, Pausieren über die Menüleiste und manuelles Löschen von Memory-Dateien sind nicht Nebensache, sondern Teil der eigentlichen Nutzung.
Konkret ausprobieren
- Erstelle Deine persönliche Kontext-Landkarte. Schreibe drei Spalten auf: «unkritisch», «prüfen» und «nicht erfassen». In die erste Spalte kommen etwa allgemeine Arbeitsnotizen ohne sensible Inhalte. In die zweite kommen Apps oder Websites, die manchmal vertrauliche Daten enthalten. In die dritte gehören Kommunikations-Apps ohne Zustimmung der Beteiligten sowie Anwendungen mit Gesundheits-, Finanz- oder sehr persönlichen Daten.
- Formuliere eine Pausen-Regel. Lege fest, bei welchen Tätigkeiten eine Erfassung pausiert werden müsste, falls Computer History bei Dir verfügbar wäre. Beispiele aus der Quelle sind sensible Gesundheits-, Finanz- oder persönliche Daten. Schreibe die Regel so konkret, dass Du sie im Arbeitsalltag anwenden kannst: «Wenn ich in App X arbeite, wird die Erfassung pausiert» oder «Website Y wird ausgeschlossen».
- Prüfe Deine Team-Abmachungen. Falls Du in einem Business- oder Enterprise-Umfeld arbeitest, kläre, wer über eine Freischaltung entscheiden dürfte und wie individuelle Zustimmung gehandhabt würde. Wichtig ist auch die Frage, ob Kommunikations-Apps einbezogen werden dürften. Laut OpenAI soll dies nicht ohne ausdrückliche Zustimmung der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner geschehen.
Quellen
- ChatGPTs neue «Computer History» verwandelt den Arbeitsalltag in KI-Kontext, THE DECODER, 14. August 2026


Bild: Moises Caro | Photographer via Pexels